Auf einmal ist da Zeit – und keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll
Du stehst in der Küche, Wasser kocht für die Nudeln und für die nächsten vier Minuten ist objektiv nichts zu tun. Und was machst du? Genau, du greifst zum Handy. Nicht weil da irgendwas Wichtiges wartet, sondern weil sich vier Minuten ohne Beschallung neuerdings anfühlen wie eine kleine Ewigkeit, die dringend gefüllt werden muss.
Ganz ehrlich, du bist da in bester Gesellschaft. Wir alle hören Podcasts beim Spazieren, checken Nachrichten auf der Toilette, lassen beim Essen nebenbei eine Serie laufen. Selbst im Wartezimmer, im Aufzug, an der Ampel: Irgendetwas füllt die Stille, bevor sie überhaupt entstehen kann. Langeweile ist praktisch ausgestorben und ehrlich gesagt trauert ihr kaum jemand nach.
Ein Zustand, den du aktiv verhinderst
Früher war Langeweile einfach ein normaler Teil des Tages. Beim Warten auf den Bus, beim Bügeln, beim Zugfahren – der Kopf durfte einfach vor sich hin wandern, ohne Auftrag, ohne Programm. Heute ist genau dieser Zustand fast verschwunden, nicht weil dein Leben voller geworden ist, sondern weil du jede kleine Lücke reflexartig mit etwas stopfst.
Und das Interessante daran: Diese Lücken sind selten wirklich groß. Vier Minuten Nudelwasser, zwei Minuten Warteschlange, fünf Minuten auf der Toilette, in denen du wahrscheinlich eher scrollst als wirklich in Ruhe sitzt. Klein genug, dass sie eigentlich niemandem wehtun würden, wenn sie einfach mal leer blieben. Und genau deshalb so aufschlussreich, wenn du dir mal ehrlich anschaust, wie automatisch dein erster Reflex ist, sie sofort zu füllen.
Wovor du dich da eigentlich schützt
Die ehrliche Frage lautet nicht "warum hab ich keine Zeit für Langeweile", sondern "wovor schützt mich die Dauerbeschallung eigentlich". Denn Zeit wäre ja da. Was dir fehlt, ist eher die Lust, sie auszuhalten.
Sobald dein Kopf nicht beschäftigt ist, wird er nämlich nicht automatisch ruhig. Er fängt an zu denken. Und nicht selten sind es genau die Gedanken, die tagsüber sonst keinen Platz bekommen: die unbeantwortete Frage, ob dein Alltag gerade noch zu dir passt. Das Gefühl, das du seit Wochen wegdrückst, weil dafür "gerade keine Zeit" ist. Die leise Ahnung, dass irgendwo eine Entscheidung ansteht, die du lieber noch etwas aufschiebst.
Dauerbeschallung ist in diesem Sinn kein Zeitvertreib, sondern dein sehr wirksamer, sehr zuverlässiger Schutzmechanismus. Sie hält deine eigenen Gedanken auf Abstand, bevor sie überhaupt die Chance bekommen, laut zu werden.
Was dein Körper dabei mitmacht
Diese Dauerbeschallung hat einen Preis, den dein Körper zuverlässig verbucht. Ein Nervensystem, das nie in den Ruhemodus kommt, weil ständig neue Reize eintreffen. Ein Kiefer, der sich beim Scrollen zusammenzieht, obwohl gerade nichts Bedrohliches passiert. Ein Atem, der oben im Brustkorb hängen bleibt, weil dein Körper nie das Signal bekommt, dass wirklich Pause ist.
Kein Wunder also, dass am Ende eines Tages voller Reize trotzdem dieses vertraute Gefühl bleibt: erschöpft, aber irgendwie leer. Dein Kopf war beschäftigt, dein Körper aber nie wirklich zur Ruhe gekommen.
Langeweile als eigentlich sehr unspektakuläre Einladung
Langeweile klingt nach einem großen Wort für etwas sehr Kleines: einfach mal nichts tun, während das Nudelwasser kocht. Nicht meditieren, nicht achtsam atmen, kein Programm dahinter. Nur die vier Minuten aushalten, ohne sie sofort zu füllen.
Klingt banal, ist es aber nicht. Denn genau in diesen kleinen, ungefüllten Momenten meldet sich oft zum ersten Mal am Tag etwas, das sonst keinen Platz bekommt. Nicht dramatisch, meist nur ein leiser Gedanke oder ein Gefühl, das kurz auftaucht und wieder verschwindet, wenn du ihm nicht sofort ausweichst.
Ein kleiner Anfang, ganz für dich
Nicht gleich der ganze Tag, nur eine einzige Lücke: das nächste Mal, wenn Wasser kocht, die Kaffeemaschine läuft oder du in der Warteschlange stehst, lass das Handy einfach mal in der Tasche. Nicht aus Disziplin, sondern aus Neugier: Was passiert eigentlich, wenn du diese vier Minuten wirklich leer lässt, ganz ohne dich abzulenken?
Vielleicht kommt nur der Gedanke an den nächsten Einkaufszettel. Vielleicht aber auch etwas, das schon eine ganze Weile darauf gewartet hat, von dir endlich gehört zu werden. Und genau das ist es wert, ausgehalten zu werden.
femReich begleitet Frauen dabei, sich selbst wieder zu spüren, auch in den kleinen, unbequemen Lücken zwischen allem.